Interview mit Tom Tykwer
1993 hat Tom Tykwer seinen ersten Spielfilm, Die tödliche Maria, gedreht. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm dann 1998 mit Lola rennt, der das Publikum mit seinem atemberaubendem Tempo und scharf gezeichneten Charakteren begeisterte. Drei Jahre später folgte dann Der Krieger und die Kaiserin, und Heaven (in der Hauptrolle Cate Blanchett) nach einem Drehbuch des späten Krzysztof Kieslowski. Fast 20 Jahre hat es gedauert, bis Das Parfum – die Geschichte eines Mörders nach Patrick Süskinds Bestseller aus den 80er Jahren verfilmt wurde, und es ist Tykwers bei weitem teuerstes und ambitioniertestes Projekt.
Ich fragte Tykwer, der die Musik zu seinen Filmen immer selbst komponiert, nach dem Zusammenhang zwischen Ton und Musik in Parfum. „Der musikalische Aspekt von Filmen im Allgemeinen“ so Tykwer, „ist etwas, das mit der abstrakten Erfahrung zu tun hat, die in eine emotionale Wahrnehmung mündet. Wir haben versucht, einen Film zu machen, der nicht allein durch die Vertonung, sondern dadurch, wie Ton und Bild miteinander verwoben sind, eine bestimmte Empfindung erzeugt: so als ob wir mit der Person, die der Film beschreibt, die Welt tatsächlich erleben.“
„So war es für mich immer klar, dass Grenouille, der Held des Films, die Welt tatsächlich mehr oder weniger durch die Nase kennt und wahrnimmt, durch das Riechen eben. Es ging wirklich darum, eine Tonsprache zu finden für das, was man die ‘Erfahrungswelt’ von Grenouille nennen könnte.“

Tom Tykwer (rechts) mit Rachel Hurd-Wood, die Laura in Parfum spielt |
Obwohl Tykwer ein Altmeister der elektronischen Filmmusik ist, „haben wir bei Der Krieger und die Kaiserin auch schon mit einem Orchester gearbeitet – alle Streicher waren dort schon echte Streicher! Und die Musik zu Parfum war eine der größten Herausforderungen meines Lebens, weil es ein enorm komplexer Score ist und eine Menge Arbeit war. Wir begannen mit dem Score sehr früh, und wir hatten das Glück, dass Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker ihn eingespielt haben.“
Spricht man mit ihm über Ton, bezieht sich Tykwer immer auf das musikalische Element. „Für uns steht die Musik immer am Anfang“, betont er. „Ich beginne immer schon mit dem Komponieren, während ich am Drehbuch arbeite. Wir drei, Johnny Klimek, Reinhold Heil und ich, setzen uns zusammen und beginnen an Hand des Drehbuchs zu komponieren und finden so die Musik des Films gleichzeitig während der Drehbuchentwicklung. Wenn wir dann am Set sind, haben wir schon einen erheblichen Teil der Musik fertig; und wir haben ein kleines Orchester engagiert, um sie für uns zu spielen. Damit können wir sie auch den Schauspielern vorspielen und sie bei den Dreharbeiten vor Ort in die 'Szenerie einbeziehen'. So können alle schon die Atmosphäre und die akustische Welt des Films erforschen, während sie in ihm spielen. Ich habe das auch schon früher gemacht, aber nicht in dem Umfang wie beim Parfum.“
Hat er von Beginn an Dolby-Technologien eingesetzt? „Nein, nein“ lacht er, „Die tödliche Maria war mono, sehr kleines Budget! Bei Winterschläfer (1997) habe ich zum ersten Mal Dolby benutzt. Seither habe ich immer mit Dolby gearbeitet. Auf der Ebene des Sounddesigns habe ich mit mehr oder weniger genau demselben Team gearbeitet. Dirk Jacob war einer der Sounddesigner bei Parfum: die Geschichte eines Mörders und er war auch im Team von Lola rennt, Heaven und fast aller meiner anderen Filme. Matthias Lempert, der Mischtonmeister, hat fast alles gemischt, was ich jemals gemacht habe.“
Denkt er an DVD und die Zuschauer zu Hause, wenn er einen Film dreht und mischt? „Ich denke“ sagt Tykwer, „die Leute haben heutzutage wirklich interessante Soundsysteme zu Hause; damit kann man auch wagen, für die DVD sehr komplexe Tonebenen anzulegen und jeder kann das tatsächlich hören! Ich kenne auch eine Menge Leute, die Filme zu Hause mit digitalen Kopfhörern ansehen, eine großartige Sache. Bei der Tonmischung macht der Tonmeister immer eine Mischung für das Kino und eine für Fernsehen oder für DVD – eine völlig verschiedene Mischung, mit unterschiedlicher Kompression und ähnlichen Dingen. Und wir machen diese DVD-Mischung mit sehr hohem Anspruch, man braucht also gutes Equipment, um sie zu hören. Was uns ermutigt ist, dass immer mehr Leute gute Tonwiedergabesysteme zu Hause haben.“

Tykwer (Mitte) mit Dustin Hoffman (rechts)
|
Was denkt er über den Einfluss von Digital Cinema auf kommerzielle Filme? „Ich sehe im Moment noch nicht wirklich, dass es die Arbeit viel einfacher macht, außer man dreht auf DV oder einem anderen billigen System. Aber wenn man eines der Systeme benutzt, die mehr oder weniger identisch zu 35mm in Bezug auf die Bildqualität sind, dann glaube ich, dass wir noch nicht ganz am Ziel sind. Es wird noch ein wenig dauern, aber an einem bestimmten Punkt werden es sicher alle einsetzen; und wenn es immer billiger wird, werden es immer mehr Filmemacher tun. Es ist eine Veränderung wie etwa am Ende der Ära von Technicolor Mitte der 70er Jahre und natürlich gab es auch damals einen anderen optischen Eindruck, aber letztlich haben es dann alle akzeptiert. Und schließlich haben wir gelernt, wie wir mit den begrenzten Möglichkeiten wieder intensivere Farben erreichen konnten. Es gibt viele, viele interessante Möglichkeiten, digitales Material zu bearbeiten. Ich habe keine Angst davor, ich möchte nur, dass es so gut wie möglich aussieht, bevor ich wirklich wechsele!“
Danach gefragt, ob er Filme mit spektakulärem Ton wie Apocalypse Now mag, merkt Tykwer an: „Sounddesign findet oft nur bei Filmen Beachtung, die eine Menge Lärm machen, ich bin aber ein großer Bewunderer der leisen Filme! Seit ich 2001 Heaven gemacht habe, weiß ich, wie schwierig es ist, einen leisen Film überzeugend zu mischen, denn die Stille hat so viele Ebenen. Es ist viel einfacher, einen sehr lauten, mit Effekten gespickten und mit Musik überladenen Film zu produzieren. Ich bleibe Fan von Filmen, die in den frühen Tagen des Sounddesign gemacht wurden und noch immer interessante Ergebnisse liefern. Der Exorzist (1973) zum Beispiel hat eine bewundernswerte Tonmischung; und in mehr moderner Zeit ist das, was David Fincher macht, wirklich eindrucksvoll… Die ganze Spannung in seinem Film Seven wird tatsächlich durch die Tonmischung aufgebaut, Musik und Geräusche sind wirklich gut miteinander verwoben.“