Interview mit Eddy Joseph, Soundelux London
Eddy Joseph ist Creative Director von Soundelux, London. Und als leitender Tonmeister hat er viele Filme bearbeitet, darunter United 93, Charlie und die Schokoladen-Fabrik, King Arthur, Cold Mountain und Harry Potter und der Stein der Weisen.
Eddy, können Sie uns zunächst die Aufgaben eines Chef-Tonmeisters erklären?
Der leitende Tonmeister ist für die gesamte Ton-Nachbearbeitung des Films verantwortlich. Hat ein Toningenieur einen Teil der Bearbeitung fertig gestellt, diskutiert er das Ergebnis mit dem Chef-Tonmeister dieses Films. Dabei geht es um alle Ton-Aspekte: den Dialog, die Effekte, den akustischen Hintergrund, die Geräusche und so weiter.

Eddy Joseph |
An welchen Projekten arbeiten Sie zur Zeit?
Soundelux bearbeitet derzeit vier Filme: Breaking and Entering unter der Regie von Anthony Minghella, Blackbook von Paul Verhoeven in niederländischer Sprache, Young Hannibal von Peter Webber und Casino Royale von Martin Campbell. Ich kümmere mich um alle vier Filme, aber direkt verantwortlich bin ich für Casino Royale.
Alle vier Filme sind völlig unterschiedlich. Der Bond-Streifen Casino Royale ist ein lauter, rauer, kraftvoller Action-Film; Breaking and Entering ist ein psychologischer Film der leisen Töne mit großer Bedeutung der Dialoge; Blackbook ist ein Kriegsfilm über den Widerstand in den Niederlanden und Young Hannibal handelt von der Jugend Hannibal Lecters: es ist ein dunkler, psychologischer Thriller. Jeder der vier Filme braucht ein ganz eigenes Sound-Design. Die Zuschauer müssen den Eindruck gewinnen, dass der Klang stimmt. In Blackbook zum Beispiel rekonstruieren wir die Akustik von Den Haag im Jahr 1944, und in Young Hannibal reicht das Klangspektrum vom Litauen des Zweiten Weltkriegs bis zum Frankreich der 1950er Jahre. Breaking and Entering spielt im London von heute und ist stark auf diese Umgebung abgestimmt, während Casino Royale in Prag, Madagaskar, Uganda, den Bahamas, in London und Montenegro spielt.
Schreiben Sie eine Art Sound-Storyboard, bevor Sie loslegen?
Ich arbeite grundsätzlich nach dem Script. Das mache ich schon so lange, dass ich den Ton bereits hören kann, wenn ich das Script durchlese. Ich glaube, deshalb bin ich noch im Geschäft: ich kann gut herausarbeiten, wie der Ton klingen sollte. Ich glaube, ich hätte Schwierigkeiten, wenn der Regisseur völlig andere Vorstellungen hätte als ich. Aber zum Glück ist das noch nicht oft passiert.
Müssen Sie gelegentlich die Original-Aufnahme ändern, um den Sound zu verbessern?
Normalerweise tauschen wir ohnehin den gesamten Ton aus. In einer Action-Szene zum Beispiel ersetzen wir praktisch alles: ein Schuss etwa klingt im Film völlig anders als im wirklichen Leben, und in der Realität quietschen die Autoreifen auch nicht dauernd! Sie müssen all diese Ton-Effekte nach den Filmaufnahmen hinzufügen, um die beste Wirkung zu erzielen. Manchmal nehmen wir sie extra auf, manchmal nehmen wir sie aus einer Sound-Bibliothek und manchmal produzieren wir eine Mischung aus beidem.
Hat sich die Art, wie Sie Filmton produzieren, im Lauf der Zeit verändert?
Ja. Wir können heute Dinge machen, von denen wir früher nur träumen konnten. Aber meine generelle Einstellung hat sich nicht verändert. In den frühen 80ern habe ich Pink Floyd The Wall bearbeitet. Wir haben damals separate Surround-Kanäle verwendet – genau wie wir es heute machen. Danach haben wir damit wieder aufgehört, weil es einfach zu teuer war. Wir mussten noch 20 Jahre warten, bis Dolby es mit Dolby® Digital wieder ermöglichte.
Wir können heute generell Soundtracks präziser gestalten als je zuvor. Wir können alles besser steuern und mehr im Schnittraum bearbeiten. Die Anforderungen der Medien bringen es mit sich, dass wir vor der endgültigen Abmischung von jedem Film mehr Vorschau-Versionen in unterschiedlichen Formaten produzieren. Wir können nicht alles gleich in der ersten Mischung verwirklichen.
Wie haben Dolby-Technologien Ihre Arbeitsweise verändert?
Wir verwenden Pro Tools® für die Bearbeitung der Tonspuren und für das Sound-Design, und wir legen den Ton jetzt immer in 5.1 an. Wir haben den Vorteil, schon im Schneideraum zu wissen, wie unser endgültiger Dolby Digital-Mix klingen wird. Dies ist ein großer Fortschritt, denn wir können immer mehr Vor-Abmischungen schon im Schneideraum erstellen.

Daniel Craig spielt James Bond in Casino Royale |
In welchem Maß berücksichtigen Sie das Heimkino, wenn Sie den Ton eines Films abmischen?
Wir denken schon daran, aber das hat keinen nennenswerten Einfluss auf unsere Arbeit. Vor der Veröffentlichung einer DVD passt die Produktions- oder die Vertriebsfirma die Mischung ohnehin an die Anforderungen der Heimkino-Wiedergabe an. Manchmal ist der Ton so laut, dass er einfach nicht ins Wohnzimmer passt, aber normalerweise gibt es keine massiven Veränderungen, die Unterschiede sind also nicht allzu groß. Um ganz ehrlich zu sein: mir ist es eigentlich egal, ob die Zuschauer einen Film im Kino oder im Wohnzimmer anschauen. Ich möchte sie nur ermutigen, sich den Film überhaupt anzusehen.
Glauben Sie, dass die Filme heute immer noch zu laut sind?
Ja, manche Filme sind wirklich zu laut. Man braucht im Filmton Licht und Schatten, um wirklich die beste Wirkung zu erzielen. Ich finde, man braucht auch Stille ohne Geräusche. So erzielt man größere Effekte, als wenn man einfach den Lautstärkeregler aufdreht. Wenn Sie also einen Schuss laut, klar und erschreckend machen wollen, müssen Sie vorher jedes Geräusch wegnehmen. So geht man intelligent mit dem Ton um. Es ist wunderbar, etwas mit sehr subtilen Ton-Effekten zu hören, das die Zuschauer wirklich in die Szene hineinzieht. Es ist immer noch möglich, Schrecken und Überraschung zu erzielen, ohne die gesamte Zuhörerschaft taub werden zu lassen.
An welchem Film haben Sie zum ersten Mal mit Dolby gearbeitet? Was hat die Dolby-Technologie zum Klang beigetragen?
Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern! Ich bin ziemlich sicher, dass ich in den 70ern Assistent war und dass Dolby A für die Rauschunterdrückung eingesetzt wurde. Mir scheint, dass Dolby mich in meinem ganzen Berufsleben als Toningenieur begleitet hat. Ich erinnere mich definitiv, dass der Dolby-Lichtton, also die Dolby-Tonspur auf Pink Floyd The Wall absolut fantastisch war. Elstree nahm die Bilder auf und brachte es wirklich fertig, das Ereignis auf Film zu bannen. Es ließ die Dachsparren des Empire 2 erzittern!
Welche Soundtracks mögen Sie ganz besonders – und weshalb?
Paul Verhoeven’s Total Recall macht riesig Spaß, ich habe diesen Film sehr genossen. Der Sound schafft eine völlig andere Welt. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man mit dem Ton für pures Vergnügen sorgt! Es gibt unzählige weitere gute Soundtracks, aber ich möchte noch besonders Star Wars®: Episode IV hervorheben, weil der Sound dieses Films damals wirklich sensationell war. Die erste Folge von The Matrix ist ein weiteres gutes Beispiel, weil der Ton hier auf eine ganz neue Weise eingesetzt wurde.
Wie sollten Ihrer Meinung nach die Surround-Kanäle verwendet werden?
„Der Ton ist ein entscheidender Bestandteil des Kino-Erlebnisses.“
—Eddy Joseph
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Man sollte die Surround-Kanäle vorsichtig einsetzen. Sie eignen sich großartig, um die Zuschauer akustisch einzuhüllen und sie in die Atmosphäre der Handlung zu versetzen, aber sie sollten nicht die Aufmerksamkeit vom Geschehen auf der Leinwand ablenken. Wir nutzen die Surround-Kanäle immer mehr, aber wir versuchen, es geschickt und nicht zu offensichtlich zu machen.
Macht der Ton wirklich die Hälfte des Erlebnisses aus?
Ja, aber er bekommt nur 1 Prozent des Budgets! Mit dem Ton können Sie eine Geschichte erzählen, wie sie die Bilder allein nicht vermitteln. Drehen Sie einen Film, glaubt niemand die Handlung, bevor er sie nicht auch gehört hat. Der Ton ist ein entscheidender Bestandteil des Kino-Erlebnisses.
Was hat die Filmproduktion in den letzten 50 Jahren revolutioniert?
Das wird die HD-Produktion sein, allerdings sind wir hier noch nicht ganz am Ziel. Die Bildqualität hat sich bisher nicht wesentlich verändert, in mancher Hinsicht ist die Qualität der Projektion sogar schlechter geworden. Das digitale Kino wird dies ändern, sobald es auf breiter Basis angenommen wird. Insgesamt glaube ich, dass die größte Umwälzung im Bereich des Tons stattgefunden hat. Er ist klarer, präziser, aufregender als je zuvor.
Worauf also sollten wir in Casino Royale besonders achten?
Drei Szenen werden besonders toll klingen: die erste spielt ziemlich am Anfang. Hier haben wir mit herumfliegenden, von Stahlträgern abprallenden Gegenständen experimentiert, um gute Effekte zu erzielen. Die zweite ist ein Rennen von Flughafen-Trucks, und die dritte ist der Schluss, ein Finale, wie Sie es noch nie gesehen oder gehört haben.
Casino Royale kommt am 23 November, 2006 in die Kinos.
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